Gutes Benehmen und sicheres Auftreten auf Stundenplan
Adrett gekleidet, mit Krawatte, Hemd und Anzug, betreten 30 junge Männer und eine Frau das Ausbildungsrestaurant der Beruflichen Schulen Gelnhausen. An festlich eingedeckten Tischen nehmen sie Platz. Die zu einem Fächer gefaltete Serviette wird gekonnt auf den Schoß gelegt, während aus dem Hintergrund schon Kellnerinnen und Kellner an sie heran treten und Wasser einschenken. Die Studierenden der Fachschule für Kunststoff- und Kautschuktechnik erleben an diesem Tag einmal einen ganz anderen Unterricht, fernab von Mathematik, Mechanik oder Elektrotechnik.
In Sesam gebratene Geflügelspießchen auf exotischem Fruchtcocktail, Ochsenschwanzsuppe, Lachsfilet, Zitronensorbet, Rindersteak und Parfait von Bourbon-Vanille, im Gastraum flambiert – das Fünf-Gang-Menü mit Aperitif war der krönende Abschluss eines „Knigge-Kurses“, der erstmals im Rahmen der zweijährigen Ausbildung der angehenden Techniker stattfand. Im Rahmen ihrer Ausbildung zur Fachlehrerin für Ernährung und Hauswirtschaft griff Sandra Köhler das Thema „Knigge“ auf, wählte es für ihre schriftliche Examensarbeit und führte die Unterrichtsreihe durch. Die 33-Jährige weiß, dass Benehmen wieder „in“ ist.
Da sie selber in der Gastronomie, unter anderem in der Schweiz, gearbeitet hat, ist sie eine Expertin, wenn es darum geht, wie man sich dem Anlass entsprechend kleidet, was eine Gläserordnung ist oder wie eine Begrüßung ablaufen sollte. Ein halbes Schuljahr gab sie im Rahmen des Unterrichts ihre Erfahrung an die Studierenden weiter. Insgesamt 20 Stunden lang lernten die Männer – der jüngste unter ihnen ist 27 Jahre alt – und die einzige Frau in der Gruppe, worauf sie als angehende Führungskräfte in einem Unternehmen achten sollten.
„Viele fragten sich zunächst, wofür sie den Kurs denn gebrauchen können. Dann haben sie aber erkannt, wie wertvoll die Inhalte sind und wo sie sie anwenden können“, berichtete Sandra Köhler im Gespräch mit dem Gelnhäuser Tageblatt. Sie habe den Technikern einen Einblick in die Businesswelt vermitteln wollen, so die Fachlehreranwärterin. Denn neben einer großen Fachkompetenz der Studierenden hätte die Abteilungsleitung der Fachschule wahrgenommen, dass im sozialen Bereich Defizite zu verzeichnen seien.
Neben bekannten Benimmregeln wurden auch „Gesprächskiller“ – Themen wie Politik, Krankheit, Religion oder Finanzen – oder die Dekoration der Tische angesprochen. Für das Abschlussmenü mussten die Teilnehmer dann ihren eigenen Deko-Vorschlag umsetzen und einen Tisch für acht Personen schmücken. Das Eindecken übernahmen die angehenden Hotel- und Restaurantfachleute des dritten Lehrjahres. Sie kümmerten sich auch um die Bewirtung der Kursteilnehmer und übernahmen den Service. Die Kochklasse des zweiten Lehrjahres sorgte für das außergewöhnliche Menü.
Auch die Schulleitung und die Abteilungsleiter waren zur Abschlussveranstaltung eingeladen. „Durch die Technische Universität München sind wir auf das Thema ,Knigge-Kurs‘ aufmerksam geworden“, erläuterte der Abteilungsleiter des Bereichs Kunststoff- und Kautschuktechnik, Jürgen Hammerich. Der Umgangston der jungen Leute, so Hammerich, habe sich verändert. Die „Mc-Donalds-Generation“ brauche oft Nachhilfe, wenn es um gutes Benehmen gehe. Hammerich: „Ohne Knigge kann man die Karriere knicken.“ Und der stellvertretende Schulleiter Hartmut Bieber betonte: „So ein ,Knigge-Kurs' wäre im Prinzip für alle Absolventen sinnvoll.“
Die Resonanz der angehenden Techniker war sehr gut. „Jetzt traue ich mich auch mal, mit meiner Freundin essen zu gehen“, äußerte sich ein Teilnehmer gegenüber Sandra Köhler. Am Ende mussten sie noch einen Abschlusstest bewältigen. Als „Knigge-Experten“ erwiesen sich Orhan Sahin (1. Platz), Daniel Riedel (2. Platz) sowie Johannes Schneider und Heiko Wolfschmitt (beide 3. Platz).

